Politik · Atomrecht
Rosatom in Lingen: Brennelemente-Produktion mit russischer Beteiligung soll anlaufen
In Lingen sollen bald Brennelemente für Reaktoren russischer Bauart gefertigt werden – in Lizenzfertigung mit Beteiligung des russischen Staatskonzerns Rosatom. Die Genehmigung fiel bereits im Juli, nun soll die Produktion starten.
Lingen, 8. Oktober 2026 – Im niedersächsischen Lingen soll schon bald die Produktion von Brennelementen für Atomkraftwerke russischer Bauart anlaufen. Wie der SPIEGEL berichtet, wurde die dafür erforderliche Genehmigung bereits erteilt – und zwar unter Protest des zuständigen Landesministers. Damit rückt ein Vorgang wieder in den Fokus, der die energiepolitische Abhängigkeit Deutschlands von russischer Nukleartechnik betrifft.^[SPIEGEL – Rosatom-Lizenz in Lingen: Produktion von Brennelementen mit russischer Beteiligung soll anlaufen – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/rosatom-lizenz-in-lingen-produktion-von-brennelementen-mit-russischer-beteiligung-soll-anlaufen-a-18bd9497-f3ac-4158-a031-52463abfc9d9]
Die Entscheidung
Die Genehmigung wurde am 22. Juli 2026 vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz im Auftrag des Bundes erteilt. Das Verfahren fällt in die atomrechtliche Bundesauftragsverwaltung nach § 9 Atomgesetz: Der Bund trägt die Verantwortung, die Länder führen die Genehmigungen weisungsgebunden aus. Betreiberin ist die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF), eine Tochter des französischen Konzerns Framatome. Gefertigt werden sollen hexagonale Brennelemente für WWER-Druckwasserreaktoren, wie sie in mehreren osteuropäischen Kraftwerken in Betrieb sind.^[NDR – Brennelemente-Fabrik in Lingen: Genehmigung für Rosatom-Beteiligung – url: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/lingen-brennelemente-rosatom-framatome-100.html]
Die Lizenz aus Russland
Kern des Konflikts ist eine Lizenzfertigung: Die Technologie für die Brennelemente stammt von einer Beteiligung des russischen Staatskonzerns Rosatom bzw. dessen Brennelemente-Tochter. Das Vorhaben soll dazu dienen, osteuropäische Betreiber zu versorgen, die sich von russischen Lieferungen lösen wollen. Deutschland würde damit faktisch zu einem Standort, an dem Technologie aus Russland weiterverwendet – und damit langfristig auch Abhängigkeiten zementiert würden.^[ZDF heute – Lingen: Genehmigung für Brennelemente-Produktion mit Rosatom-Technik – url: https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/brennelemente-lingen-rosatom-genehmigung-100.html]
„Politisch grundfalsch“
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) bezeichnete die Genehmigung als politisch „grundfalsch“ und „fatal“. Er machte deutlich, dass er an die Vorgaben des Bundes gebunden war und die Erlaubnis trotz erheblicher Bedenken erteilen musste. Der Genehmigung liegen umfangreiche Sicherheitsprüfungen zugrunde; die Bundesregierung hatte die Risiken bereits im Februar neu bewertet. Kritiker verweisen auf die Gefahr von Spionage und Sabotage sowie auf die sicherheitspolitische Signalwirkung eines solchen Standorts.^[Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz – Genehmigung nach § 9 Atomgesetz in Lingen – url: https://www.bmuv.de/atomrecht-genehmigung-lingen]
Bemerkenswert ist Meyers Hinweis, dass es auf EU-Ebene bislang keine Mehrheit für Sanktionen gegen russische Brennelemente gibt und dass WWER-Brennelemente grundsätzlich auch von einem US-Anbieter erhältlich wären. Genau diese Alternative steht im Raum, wenn über die politische Notwendigkeit des Standorts gestritten wird.
Kritik und Ausblick
Umweltverbände und Bürgerinitiativen prüfen rechtliche Schritte gegen die Genehmigung; die Auseinandersetzung dürfte die Gerichte beschäftigen. Mit dem nun angekündigten Produktionsstart rückt die Frage in den Vordergrund, ob und wie sich sicherheitspolitische Erwägungen in atomrechtlichen Genehmigungsverfahren überhaupt hinreichend abbilden lassen. Der Bund steht damit vor der Aufgabe, seine Linie zwischen Versorgungssicherheit, Sanktionspolitik und Standortsicherheit weiter zu schärfen.
Quellen: SPIEGEL, NDR, ZDF heute, Bundesministerium für Umwelt (BMUV).