Künstliche Intelligenz · Justiz
„Agentic Flooding“: Wie KI-generierte Anträge Gerichte und Behörden überfordern
Chatbots erstellen Klageschriften, Widersprüche und Anträge in Minuten – oft mit erfundenen Fakten und nicht existierenden Urteilen. Gerichte und Behörden laufen gegen die Flut an, Forscher prägen dafür den Begriff „Agentic Flooding“.
Berlin, 19. August 2026 – Wer mit Behörden, Dienstleistern oder dem eigenen Arbeitgeber im Streit liegt, hat inzwischen eine starke Verbündete: die Künstliche Intelligenz. KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Claude erstellen innerhalb weniger Minuten Beschwerden, Einsprüche oder Klageschriften – sie nehmen Bezug auf die aktuelle Gesetzeslage und formulieren sprachlich auf hohem Niveau, ganz ohne Anwaltshonorar.^[DIE ZEIT – Antragsflut: KI-Modelle fordern Gerichte und Behörden – url: https://www.zeit.de/news/2026-08/18/antragsflut-ki-modelle-fordern-gerichte-und-behoerden] Die Kehrseite: Gerichte und Behörden sind zunehmend mit KI-generierten Anträgen, Widersprüchen und Eingaben konfrontiert und laufen gegen die Flut an.^[Der Spiegel – Wie KI-Anträge Gerichte und Behörden überfordern – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/phaenomen-agentic-flooding-wie-behoerden-mit-der-ki-anfragenflut-umgehen-sollten-a-5fa0a330-4573-4694-a752-3d37ac2c6ecb]
Tausende KI-Anträge bei der Bundesagentur für Arbeit
Wie groß das Problem ist, zeigt ein Blick auf die Sozialverwaltung: Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet eine wachsende Zahl an Widersprüchen gegen Verwaltungsbescheide, die unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Ein wesentliches Problem ist die sogenannte Halluzination der Software: In Stichproben in Nordrhein-Westfalen zeigten sich in den Widersprüchen wiederholt Informationen, die keinerlei faktische Grundlage besitzen. Um Unregelmäßigkeiten und potenzielle Betrugsversuche zu begegnen, setzt die Behörde inzwischen das System „Enterprise Fraud Management“ ein, das automatisierte Schreiben und inhaltliche Abweichungen systematisch identifizieren soll.^[borncity – Sozialgerichte NRW: 3.600 KI-Anträge überlasten Justiz – url: https://borncity.com/news/sozialgerichte-nrw-3-600-ki-antraege-ueberlasten-justiz]
Was Richter umtreibt: lange Schriftsätze, erfundene Rechtsprechung
Bei den Sozialgerichten gehen vor allem zum Bürgergeld immer mehr mit KI generierte Anträge und Klagen ein – sie bringen Richter an ihre Grenzen, warnt der Präsident des Landessozialgerichts NRW, Jens Blüggel, in seinem Jahresbericht. Die oft sehr langen Schriftsätze enthielten eine Vielzahl nicht zielführender Anträge und Verweise auf Rechtsprechung, „die es teilweise gar nicht gibt“. Es handele sich um einen bundesweiten Trend; von der Problematik hatte im Februar bereits die Präsidentin des Bundessozialgerichts, Christine Fuchsloch, berichtet.^[Legal Tribune Online – Sozialgerichte: Überlastung durch KI-Schriftsätze – url: https://www.lto.de/recht/justiz/j/lsg-nrw-jahres-pressekonferenz-2026-ki-klagen-ueberlastung-sozialgerichte]
Besonders betroffen sind Verfahren ohne Anwaltszwang: an den Verwaltungsgerichten in erster Instanz etwa bei der Bewilligung von Prozesskostenhilfe oder Befangenheitsanträgen. Baden-Württembergs Justizminister Moritz Oppelt (CDU) bezeichnet die Flut als immense Herausforderung – Laien könnten schnell einen 50-seitigen Schriftsatz generieren, den ein Richter im Detail durcharbeiten müsse: „Auch wenn sich ab Seite Drei bereits der Eindruck verfestigt, dass sich die KI nur noch wiederholt.“^[SWR Aktuell – KI statt Rechtsanwalt: Warum Gerichte dadurch überlastet sind – url: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ki-ueberlastet-gerichte-justiz-100.html]
„Agentic Flooding“ – ein Phänomen bekommt einen Namen
Für das Phänomen hat der Berliner Forscher Chris Schmitz von der Hertie School gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen einen Begriff geprägt: „Agentic Flooding“ – die mit Hilfe von KI-Agenten generierte Flut an Anträgen bei Behörden und Gerichten.^[DIE ZEIT – Antragsflut: KI-Modelle fordern Gerichte und Behörden – url: https://www.zeit.de/news/2026-08/18/antragsflut-ki-modelle-fordern-gerichte-und-behoerden] Die Justiz reagiert bislang vor allem mit Personal: Das Berliner Arbeitsgericht hat bereits neue Richterinnen und Richter eingestellt, weitere Einstellungsverfahren laufen – gleichwohl dauert die Bearbeitung einzelner Fälle länger.^[DIE ZEIT – Antragsflut: KI-Modelle fordern Gerichte und Behörden – url: https://www.zeit.de/news/2026-08/18/antragsflut-ki-modelle-fordern-gerichte-und-behoerden]
Nicht mit KI gegen KI antworten
Schmitz warnt die Behörden ausdrücklich vor einer falschen Reaktion: Es solle nicht der Anspruch sein, sich die Anfragen vom Hals zu halten oder auf KI-generierte Anträge mit KI-generierten Antworten zu reagieren. „Vorher sollten wir durchdigitalisieren, Identitätsprüfungen einbauen, Benutzeroberflächen strukturieren, das Datenmanagement strukturieren“, sagt er – und erst dann könne man prüfen, ob KI auch in Ermessensentscheidungen genutzt werden sollte.^[DIE ZEIT – Antragsflut: KI-Modelle fordern Gerichte und Behörden – url: https://www.zeit.de/news/2026-08/18/antragsflut-ki-modelle-fordern-gerichte-und-behoerden]
Die Debatte dürfte die Justiz noch länger begleiten: Solange sich Laien mit einem Chatbot kostenlos anwaltlich vertreten fühlen können, wird die Zahl KI-generierter Eingaben weiter steigen – und mit ihr die Anforderung an Gerichte, seriöse von halluzinierten Inhalten zu unterscheiden.
Quellen: DIE ZEIT – Antragsflut: KI-Modelle fordern Gerichte und Behörden · Der Spiegel – Wie KI-Anträge Gerichte überfordern · Legal Tribune Online – Überlastung durch KI-Schriftsätze · SWR Aktuell – KI überlastet Gerichte · borncity – 3.600 KI-Anträge in NRW