Rechtsprechung
Urteile KW 27/2026: Möbel-Urheberrecht & Diesel-Schadenersatz
Kalenderwoche 27/2026 bringt 102 neue Urteile. Der BGH setzt neue Maßstäbe im Urheberrecht angewandter Kunst („USM Haller II“) und trifft wichtige Entscheidungen im Fiat-Dieselskandal.
Hier ist die vollständige Analyse der Rechtsprechung aus Kalenderwoche 27/2026 (29.06. – 05.07.2026).
I. Bundesgerichtshof – Zivilsachen
1. BGH I ZR 96/22 – 02.07.2026 – „USM Haller II“ ⭐ Grundsatzentscheidung
Sachverhalt: Die Klägerin ist Herstellerin des modularen Möbelbausystems „USM Haller“. Die Beklagte bot Ersatz- und Erweiterungsteile sowie vollständige Möbelstücke nach dem Vorbild des Systems an. Die Klägerin nahm sie auf Unterlassung wegen Urheberrechtsverletzung in Anspruch.^[BGH I ZR 96/22 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-07-02_I-ZR-96-22 – textFragment: 'Urteil des BGH Az. I ZR 96/22 vom 2026-07-02']
Wesentliche Aussagen (7 Leitsätze):
- Werkbegriff: Ein Werk i.S.v. § 2 UrhG setzt voraus, dass es die Persönlichkeit des Urhebers durch freie und kreative Entscheidungen widerspiegelt. Technisch vorgegebene Entscheidungen sind nicht frei.^[BGH I ZR 96/22 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-07-02_I-ZR-96-22 – textFragment: 'Ein Werk im Sinne von § 2 UrhG ist ein Gegenstand, der die Persönlichkeit seines']
- Originalitätsprüfung: Einheitlich und objektiv, ausgehend vom konkret vorgelegten Werk; subjektive Sicht des Urhebers unerheblich.
- Nachträgliche Umstände (z.B. Ausstellung in Kunstmuseen) können Anhaltspunkt für Originalität sein.
- Verhältnis Geschmacksmuster-/Urheberrecht: Kein Regel-Ausnahme-Verhältnis; bei angewandter Kunst keine höheren Anforderungen.
- Urheberrechtsverletzung: Erfordert Wiedererkennbarkeit der geschützten Elemente in der neuen Gestaltung.
- Aufgabe des Gesamteindruck-Vergleichs: Der Senat hält nicht mehr an einem Gesamteindruck-Vergleich fest.^[BGH I ZR 96/22 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-07-02_I-ZR-96-22 – textFragment: 'Soweit der Senat für die Prüfung der Wiedererkennbarkeit einen Vergleich des Gesamteindrucks']
- Schutzumfang: Hängt nicht vom Grad der schöpferischen Freiheit ab; bei Gebrauchsgegenständen faktisch enger Schutzbereich.
Prozessuales: Revision der Beklagten zurückgewiesen; auf Revision der Klägerin Aufhebung und Zurückverweisung.
2. BGH IV ZB 2/26 – 01.07.2026
Sachverhalt: Klage auf Ersatz von Behandlungskosten und vorgerichtlichen RA-Kosten gegen Krankenversicherer. Das LG wies die RA-Kosten-Klage mangels schlüssigen Verzugseintritts ab. Das OLG verwarf die Berufung als unzulässig.^[BGH IV ZB 2/26 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-07-01_IV-ZB-2-26 – textFragment: 'Urteil des BGH Az. IV ZB 2/26 vom 2026-07-01']
Wesentliche Aussagen: Eine Berufungsbegründung muss auf den konkreten Streitfall zugeschnitten sein. Die pauschale Rüge „trotz Verzuges nicht zugesprochen“ genügt nicht (§ 520 Abs. 3 S. 2 Nr. 2 ZPO). Rechtsbeschwerde mangels Zulässigkeit verworfen.
3.–7. BGH VIa ZR 458/24, 424/24, 261/24, 314/24 – 30.06.2026 (Fiat-Dieselskandal)
Vier Parallelentscheidungen mit identischer Begründung:
Sachverhalt: Kläger erwarben Wohnmobile mit Fiat-Ducato-Basisfahrzeugen (Euro 5/Euro 6, Typgenehmigung Italien). Sie machten Schadensersatz wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen (Thermofenster, Timer, Prüfstandserkennung) geltend (§ 826 BGB, hilfsweise § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. EG-FGV).^[BGH VIa ZR 458/24 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-06-30_VIa-ZR-458-24 – textFragment: 'Die zulässige Beschwerde hat in der Sache keinen Erfolg']
Wesentliche Aussagen:
- Sittenwidrigkeit (§ 826 BGB) verneint: Der BGH legt einen gerichtsbekannten Sachverhalt (§ 291 ZPO) zugrunde: Die italienische Genehmigungsbehörde MIT hielt die Abschalteinrichtungen nach eigenen Prüfungen für zulässig (Motorschutz). Das KBA/BMVI waren anderer Auffassung, das MIT beharrte auf seinem Standpunkt bis 2022. Bei einer solchen abweichenden behördlichen Rechtsauffassung fehlt es an der Sittenwidrigkeit.^[BGH VIa ZR 458/24 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-06-30_VIa-ZR-458-24 – textFragment: 'der zuständigen italienischen Genehmigungsbehörde [...] die zeitbasierte Abschalteinrichtung [...] bekannt gewesen']
- Differenzschaden aus § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. EG-FGV durch Nutzungen und Restwert aufgezehrt.
8. BGH AnwZ (Brfg) 10/26 – 30.06.2026
Sachverhalt: Erinnerung gegen Kostenrechnung im anwaltsgerichtlichen Verfahren.^[BGH AnwZ (Brfg) 10/26 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-06-30_AnwZ-Brfg-10-26 – textFragment: 'Die Erinnerung der Klägerin gegen die Kostenrechnung'] Aussage: Kostenansatz weder dem Grunde noch der Höhe nach zu beanstanden. Unrichtige Sachbehandlung (§ 21 Abs. 1 S. 1 GKG) nicht dargetan. Erinnerung zurückgewiesen.
9. BGH V ZR 205/25 – 29.06.2026
Sachverhalt: Ablehnungsgesuch gegen Richterin am BGH.^[BGH V ZR 205/25 – Index: bgh-zr – Dokument-ID: BGH_2026-06-29_V-ZR-205-25 – textFragment: 'Das Ablehnungsgesuch der Beklagten zu 1 gegen die Richterin'] Aussage: Die Zurverfügungstellung eines Aktenauszugs mit Signaturprotokollen ist offensichtlich kein Ablehnungsgrund (§ 42 Abs. 2 ZPO).
II. Bundesverfassungsgericht
1. BVerfG 2 BvR 1161/26 – 03.07.2026
Sachverhalt: Bußgeldbescheid wegen Geschwindigkeitsüberschreitung (+42 km/h innerorts): 400 € Geldbuße + 1 Monat Fahrverbot. Einspruch per Fax behauptet (OK-Vermerk), aber Behörde verwarf als verspätet. AG wies Antrag auf gerichtliche Entscheidung zurück.^[BVerfG 2 BvR 1161/26 – Index: bverfg – Dokument-ID: BVerfG_2026-07-03_2-BvR-1161-26 – textFragment: 'Die Vollstreckung aus dem Bußgeldbescheid des Landkreises Oberhavel'] Aussage: Einstweilige Anordnung erlassen – Vollstreckung aus dem Bußgeldbescheid bis zur Entscheidung in der Hauptsache (max. 6 Monate) ausgesetzt. Folgenabwägung fällt zugunsten des Beschwerdeführers aus.
2. BVerfG 2 BvR 1144/26 – 02.07.2026
Sachverhalt: Verfassungsbeschwerde aus dem Strafvollzug.^[BVerfG 2 BvR 1144/26 – Index: bverfg – Dokument-ID: BVerfG_2026-07-02_2-BvR-1144-26 – textFragment: 'Das Ablehnungsgesuch gegen die Richterin Wallrabenstein'] Aussage: Ablehnungsgesuch gegen BVerfG-Richter unzulässig; Verfassungsbeschwerde mangels Begründung nicht zur Entscheidung angenommen.
III. Landesgerichte (Auswahl aus 92 Entscheidungen)
Saarländisches OLG Saarbrücken, 3 U 51/25 – 03.07.2026
Verkehrsunfall: Überfahren einer durchgezogenen Mittellinie beim Vorbeifahren an einem haltenden Fahrzeug ist zulässig, wenn Gefährdung des Gegenverkehrs ausgeschlossen ist und die Verengung sonst nicht passiert werden kann (§ 1, § 6 StVO, Zeichen 295 StVO).^[Saarländisches OLG Saarbrücken 3 U 51/25 – Index: rspr-saa – Dokument-ID: Saarl-ndisches-Oberlandesgericht-Saarbr-cken_2026-07-03_3-U-51-25 – textFragment: 'Beim Vorbeifahren an einem am rechten Fahrbahnrand haltenden Fahrzeug darf eine durchgezogene'] Hälftige Haftung.
OLG Karlsruhe, 12 U 62/25 – 02.07.2026
Urkundenprozess/Erbensucher: Die Bindungswirkung eines Anerkenntnis-Vorbehaltsurteils (§ 599 ZPO) umfasst Schlüssigkeit und Fälligkeit des Anspruchs. Vertrag über Erbenermittlung/Nachlassabwicklung ist Werkvertrag (§ 631 BGB). Vergütungsanspruch nach Kündigung durch den Erben besteht fort.^[OLG Karlsruhe 12 U 62/25 – Index: rspr-bw – Dokument-ID: OLG-Karlsruhe_2026-07-02_12-U-62-25 – textFragment: 'Die Bindungswirkung eines im Urkundenprozess ergangenen Urteils für das Nachverfahren']
KG Berlin, 1 W 525/26 – 02.07.2026
Grundbuchrecht: Ein noch nicht vollzogener früherer Antrag auf Änderung der Teilungserklärung steht dem Vollzug eines Zwangsversteigerungsvermerks zur Aufhebung einer Bruchteilsgemeinschaft nicht entgegen (§ 17 GBO). Dem Vermerk kommt kein Rang zu, und die Teilungsversteigerung bewirkt kein Veräußerungsverbot.^[KG Berlin 1 W 525/26 – Index: rspr-be – Dokument-ID: KG-Berlin_2026-07-02_1-W-525-26 – textFragment: 'Ein im Grundbuch noch nicht vollzogener, früher gestellter Antrag auf Eintragung von Änderungen']
LG Freiburg, 4 T 16/26 – 02.07.2026
Zwangsversteigerung: Die Vorschriften über die Anfechtung von Willenserklärungen wegen Willensmängeln (§§ 119 ff. BGB) sind auf das Gebot in der Zwangsversteigerung entsprechend anwendbar. Zuschlagsbeschluss aufgehoben, Rechtsbeschwerde zugelassen.^[LG Freiburg 4 T 16/26 – Index: rspr-bw – Dokument-ID: LG-Freiburg-Breisgau_2026-07-02_4-T-16-26 – textFragment: 'Die Vorschriften über die Anfechtung von Willenserklärungen wegen Willensmängeln gemäß den §§ 119 ff. BGB sind']
📌 Fazit der Woche
- Highlight: Die „USM Haller II“-Entscheidung (I ZR 96/22) ist eine grundlegende urheberrechtliche Leitentscheidung, die den Werkbegriff und die Prüfung der Urheberrechtsverletzung – insbesondere bei Gebrauchsgegenständen – neu justiert und den Gesamteindruck-Vergleich aufgibt.
- Fiat-Diesel-Komplex: Der BGH hat mit vier Parallelentscheidungen eine klare Linie für Fiat-Fahrzeuge mit italienischer Typgenehmigung gezogen: Solange die zuständige italienische Behörde die Abschalteinrichtungen billigt, fehlt es an der Sittenwidrigkeit i.S.v. § 826 BGB.
- BVerfG: Eine einstweilige Anordnung zur Aussetzung der Vollstreckung eines Fahrverbots zeigt, dass das BVerfG bei drohenden Grundrechtseingriffen kurzfristigen Rechtsschutz gewährt.
- Landesgerichte: Besonders hervorzuheben die grundbuchrechtliche Klarstellung des KG Berlin und die Zulassung der Gebotsanfechtung in der Zwangsversteigerung durch das LG Freiburg.
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