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Künstliche Intelligenz · Urheberrecht

„NEINhorn“ gegen ChatGPT: Carlsen-Verlag verklagt OpenAI

Schon einfache Eingaben genügen: ChatGPT erfindet neue Geschichten um die Bilderbuchfigur von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn – inklusive gefälschtem Impressum. Der Carlsen-Verlag zieht vor das Landgericht München I.

iureka Team ·

Foto: Marta Wave / Pexels
Foto: Marta Wave / Pexels

München, 20. August 2026 – Das NEINhorn kennt seit sieben Jahren keine Gnade: Mit seinen dunkel umrandeten Kulleraugen und der Regenbogenmähne trotzt es aus den Büchern von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn. Doch nun bekommt das Fabelwesen Konkurrenz aus dem Rechner: Mit „einfachsten Eingaben in ChatGPT“ lassen sich neue NEINhorn-Geschichten erzeugen, „die in den wesentlichen kreativen Elementen dem urheberrechtlich geschützten Werk“ gleichen und sich „vom Original NEINhorn kaum unterscheiden“ lassen. Der Carlsen-Verlag hat deshalb am Mittwoch Klage gegen die OpenAI Ireland Ltd. beim Landgericht München I eingereicht.^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

Sechs Zeilen Anweisung, anderthalb Minuten Warten

Wie dreist die Kopie ausfällt, hat der Verlag selbst getestet: Mit einer gerade einmal sechszeiligen Anweisung brauchte der Chatbot keine anderthalb Minuten, um sieben farbige Seiten über die Erlebnisse des NEINhorns auf einem Bauernhof anzubieten – als „druckbare Bilderbuch-Mockup-Vorlage als PDF“, angelegt als „eigene, humorvolle Hommage“. ChatGPT mache außerdem „eigeninitiativ Vorschläge für weitere rechtsverletzende Texte und Illustrationen“, die auch die weiteren Charaktere und Handlungsorte aufnehmen, und biete „ganze Druckvorlagen für illustrierte Geschichten, samt Umschlaggestaltung, Impressum, einer gefakten ISBN und Verlagslogo an“.^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

In der Druckvorlage, die sich der Verlag von ChatGPT erstellen ließ, nennt das Impressum bei „Text“ Marc-Uwe Kling, bei „Illustrationen“ Astrid Henn und beim „Copyright“ die Carlsen Verlag GmbH. Erst nach einem weiteren Versuch weist die KI auf ihre eigene Urheberschaft hin und erlaubt die Vorlage nur „für den persönlichen Gebrauch“ – übersieht dabei aber, dass die Namen von Verlag, Autor und Illustratorin auf dem KI-generierten Cover prangen.^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

Was der Verlag von OpenAI fordert

Den Kern der Klage fasst Christian Schumacher-Gebler, CEO der deutschen Bonnier-Gruppe, zu der Carlsen gehört, so zusammen: Der Verlag fordere, „Open AI aufzufordern, eine unlizenzierte Nutzung geschützter Werke zu unterlassen, mögliche Missstände offenzulegen und die volle Verantwortung für das zu übernehmen, was gesetzeswidrig erfolgt ist, insbesondere den bereits entstandenen Schaden zu ersetzen“. Zur Schadenshöhe wollte sich der Verlag „im laufenden Verfahren“ nicht äußern.^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

Bemerkenswert ist dabei die Ausgangslage: Carlsen behält sich „die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44 UrhG ausdrücklich vor“ – so steht es in jedem Buch jüngeren Datums. Dennoch ist ChatGPT mit der Gestalt des NEINhorns und den Handlungsorten ausreichend vertraut, um weitere Geschichten auszuwerfen.^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

„Für mich ist das Diebstahl“

Die Schöpfer der Figur reagieren mit deutlichen Worten. „Die unerlaubte Verwendung meiner Illustrationen, oft Ergebnis monatelanger Arbeit, für das Training einer KI, mit dem Ziel, dass die KI meine Arbeit, also mein Eigentum, für jedermann nutzbar macht, ist für mich Diebstahl“, sagt Illustratorin Astrid Henn. Marc-Uwe Kling wird grundsätzlicher: „Jedem, der sich illegal auch nur einen einzigen Film, ein Buch oder ein Hörbuch runterlädt, droht eine empfindliche Strafe. Aber Open AI klaut einfach alle Kunst und Kultur der ganzen Welt und glaubt, damit durchzukommen?“^[F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage – url: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/chatgpt-kopiert-neinhorn-bilderbuch-verlag-klagt-201144180.html]

Das Verfahren dürfte zu den wegweisenden Auseinandersetzungen um das Training großer Sprachmodelle gehören: Es zeigt exemplarisch, dass die KI nicht nur allgemeine Stilmittel übernimmt, sondern konkrete, urheberrechtlich geschützte Figuren reproduzieren kann – bis hin zur nachgebauten Titelseite. Wie das Landgericht München I die Grenze zwischen zulässigem Text- und Data-Mining und rechtswidriger Vervielfältigung zieht, bleibt abzuwarten.

Quellen: F.A.Z. – ChatGPT kopiert Bilderbuch: Geistiger Diebstahl als humorvolle Hommage