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Künstliche Intelligenz · KI-Regulierung

KI im Brennpunkt der geopolitischen Konfrontation: Warum die Regulierung weltweit hinterherhinkt

USA, Europa und China erlassen Regeln für Künstliche Intelligenz – doch die Ansätze driften auseinander, eine globale Einigung ist nicht in Sicht. Während die EU auf den risikobasierten AI Act setzt, warnen Forscher wie Stuart Russell vor Kontrollverlust, und die Würzburger KI-Professorin Alicia von Schenk mahnt zu mehr Differenzierung.

iureka Team ·

Foto: Tara Winstead / Pexels
Foto: Tara Winstead / Pexels

München/Würzburg, 18. August 2026 – Künstliche Intelligenz „steht im Brennpunkt der geopolitischen Konfrontation“: Davon ist der Münchner Regulierungsexperte Urs Gasser von der TU München überzeugt. USA, Europa und China versuchen jeweils auf ihre eigene Art, Regeln für KI zu erlassen – die Ansätze unterscheiden sich erheblich, und eine globale Einigung ist nicht in Sicht. Gasser arbeitet deshalb an einem „vierten Weg“ der KI-Governance.^[Süddeutsche Zeitung – „KI steht im Brennpunkt der geopolitischen Konfrontation“ – url: https://www.sueddeutsche.de/politik/kuenstliche-intelligenz-ki-regulierung-urs-gasser-experte-tum-interview-li.3521114]

Drei Welten der KI-Regulierung

Die Grundkonflikte sind seit Jahren bekannt, die Regulierungsmodelle könnten unterschiedlicher kaum sein. Die EU verfolgt mit dem Artificial Intelligence Act (AI Act) einen horizontalen, risikobasierten Ansatz: KI-Systeme werden in Risikokategorien eingeteilt, Anwendungen mit unannehmbarem Risiko – etwa Social Scoring oder manipulative Systeme – sind verboten, für Hochrisiko-Systeme gelten strenge Auflagen und menschliche Aufsicht.^[Transcend – Global AI Regulation: A Closer Look at the US, EU, and China – url: https://transcend.io/blog/ai-regulation] China setzt dagegen auf eine Mischung aus zentraler Kontrolle und bereichsspezifischen Gesetzen, etwa für Empfehlungsalgorithmen und Deep-Synthesis-Tools, während die USA auf föderaler Ebene kein einheitliches KI-Gesetz haben und stattdessen ein Flickenteppich aus einzelstaatlichen Regelungen entsteht.^[Transcend – Global AI Regulation: A Closer Look at the US, EU, and China – url: https://transcend.io/blog/ai-regulation] Der EU-Ansatz gilt als kohärent, wird aber dafür kritisiert, Innovation zu bremsen und mit unbestimmten Begriffen zu operieren; China kombiniert regulatorische Kontrolle mit dezentraler Innovationsförderung.^[arXiv – Comparative Global AI Regulation: Policy Perspectives – url: https://arxiv.org/html/2410.21279v1] Für global operierende Unternehmen entsteht daraus ein schwer zu navigierendes Geflecht aus teils widersprüchlichen Pflichten.^[Transcend – Global AI Regulation: A Closer Look at the US, EU, and China – url: https://transcend.io/blog/ai-regulation]

Warnungen aus der Forschung

Dass die Zeit drängt, betont Stuart Russell, Professor an der University of California, Berkeley und Mitautor des weltweit einflussreichsten KI-Lehrbuchs „Artificial Intelligence: A Modern Approach“, das an mehr als 1500 Universitäten genutzt wird. Auf der DLD-Konferenz in München erklärte Russell dem Handelsblatt, die aktuelle Regulierung halte er für falsch. KI könne so leistungsfähig werden, dass sie zur Bedrohung werde – „es sei denn, man entwickelt sie richtig“. Wer dafür sorge, dass Atomreaktoren nicht explodieren, sei ja auch kein Skeptiker der Kernenergie, sondern habe schlicht gesunden Menschenverstand.^[Handelsblatt – „Mit 75 Prozent Wahrscheinlichkeit passiert genau das: Die Blase platzt“ – url: https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-technologie-es-ist-zeit-den-ceo-loszuwerden-02/100189694.html] Mit Blick auf die Bewertung vieler KI-Unternehmen rechnet Russell zudem mit einem Platzen der Blase – und sieht die Technologie bald auch Top-Manager ersetzen.^[Handelsblatt – „Mit 75 Prozent Wahrscheinlichkeit passiert genau das: Die Blase platzt“ – url: https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-technologie-es-ist-zeit-den-ceo-loszuwerden-02/100189694.html]

Mehr Differenzierung, weniger Hype

Weniger Alarmismus, dafür mehr Präzision fordert dagegen Alicia von Schenk, mit 30 Jahren Deutschlands jüngste Professorin auf Lebenszeit und Inhaberin des Lehrstuhls „Economics of AI and Human Behavior“ an der Universität Würzburg – einen der wenigen Lehrstühle in Deutschland mit explizitem Fokus auf die ökonomischen und verhaltensbezogenen Effekte von KI.^[Handelsblatt – Deutschlands jüngste KI-Professorin räumt mit den größten Mythen auf – url: https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-expertin-ki-ist-nicht-das-eine-system-das-die-welt-uebernimmt/100188740.html] Trotz riesigen Hypes gebe es nicht „die eine KI“: KI sei ein Sammelbegriff für viele verschiedene Technologien – von einfachen statistischen Tools über generative Sprachmodelle wie ChatGPT bis zu hochkomplexen neuronalen Netzen. „All das nennen wir KI – das ist mir zu undifferenziert“, sagt von Schenk.^[Handelsblatt – Deutschlands jüngste KI-Professorin räumt mit den größten Mythen auf – url: https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-expertin-ki-ist-nicht-das-eine-system-das-die-welt-uebernimmt/100188740.html]

Die Debatte des Tages zeigt damit eine Dreifach-Herausforderung: eine Regulierungslücke zwischen den Rechtsräumen, berechtigte Sicherheitsfragen der Forschung und einen Hype, der eine differenzierte politische Debatte erschwert. Ob der „vierte Weg“ von Urs Gasser darauf eine Antwort ist, wird sich zeigen – die Weltgemeinschaft hinkt der Technologie bis dahin weiter hinterher.

Quellen: Süddeutsche Zeitung – Interview mit Urs Gasser · Handelsblatt – Stuart Russell: „Die Blase platzt“ · Handelsblatt – KI-Professorin Alicia von Schenk · Transcend – Global AI Regulation · arXiv – Comparative Global AI Regulation