iureka Blog

KI · Cyberkriminalität

Eine imitierte Anwaltsstimme, 36 Millionen Euro: Wie KI-Betrüger eine italienische Privatbank überlisteten

Per WhatsApp-Nachricht und einem Anruf mit KI-geklonter Stimme brachten Betrüger den Chef der Intesa-Tochter Fideuram dazu, 95 Millionen Euro anzuweisen. Rund 36 Millionen sind endgültig verloren.

iureka Team ·

Foto: Sora Shimazaki / Pexels
Foto: Sora Shimazaki / Pexels

Mailand/Berlin, 26. September 2026 – Betrüger haben Insidern zufolge mithilfe von Künstlicher Intelligenz bei einer Tochter der größten italienischen Bank Intesa Sanpaolo rund 36 Millionen Euro erbeutet. Zunächst sei es bei der Privatbank Fideuram sogar um 95 Millionen Euro gegangen; mehr als die Hälfte der Summe sei aber später wiederbeschafft worden.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss]

Ein Anruf, der echt klang

Der Betrug begann den Insidern zufolge im Februar. Der damalige Fideuram-Verwaltungsratschef Paolo Molesini erhielt demnach eine scheinbar vom Intesa-Sanpaolo-Chef Carlo Messina stammende WhatsApp-Nachricht mit der Bitte um dringende Hilfe bei einer Auslandstransaktion.^[Handelsblatt – WhatsApp-Nachricht: Bank-Manager fällt auf KI-Fake rein – Betrüger erbeuten 36 Millionen Euro von Intesa-Sanpaolo-Tochter – url: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/whatsapp-fake-betrueger-legen-bank-manager-rein-36-millionen-euro-schaden/100257520.html] Anschließend folgte ein Anruf, der von einem leitenden Partner einer bekannten Anwaltskanzlei zu kommen schien und die Anweisung bestätigte. Dabei hätten die Anrufer KI eingesetzt, um die Stimme des Anwalts zu imitieren.^[Handelsblatt – WhatsApp-Nachricht: Bank-Manager fällt auf KI-Fake rein – Betrüger erbeuten 36 Millionen Euro von Intesa-Sanpaolo-Tochter – url: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/whatsapp-fake-betrueger-legen-bank-manager-rein-36-millionen-euro-schaden/100257520.html]

Im Glauben, die Anfrage sei echt, habe Molesini seine Finanzabteilung angewiesen, eine Reihe von Überweisungen auf Konten vor allem in China und Hongkong vorzunehmen.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss] Intesa Sanpaolo und Fideuram lehnten eine Stellungnahme ab.^[Handelsblatt – WhatsApp-Nachricht: Bank-Manager fällt auf KI-Fake rein – Betrüger erbeuten 36 Millionen Euro von Intesa-Sanpaolo-Tochter – url: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/whatsapp-fake-betrueger-legen-bank-manager-rein-36-millionen-euro-schaden/100257520.html]

53 Millionen zurückgeholt – 36 Millionen verloren

Fideuram entdeckte die Unregelmäßigkeiten den Angaben zufolge und alarmierte Behörden in mehreren Ländern. Durch die Zusammenarbeit von Ermittlern in China, Portugal und Italien hätten später rund 53 Millionen Euro sichergestellt werden können. Die verbleibenden Gelder seien über ein Netzwerk ausländischer Konten geschleust und in Kryptowährungen umgewandelt worden; sie hätten nicht mehr zurückverfolgt werden können.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss] Zuerst hatte die Zeitung »Corriere della Sera« über den Fall berichtet.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss]

Molesini trat im März unter Berufung auf persönliche Gründe als Verwaltungsratschef zurück. Gegen ihn oder andere Fideuram-Führungskräfte wird den Insidern zufolge nicht ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt jedoch gegen einen im nicht-europäischen Ausland lebenden Ausländer wegen des Verdachts auf Computerbetrug.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss]

Kein Einzelfall

Bereits im vergangenen Jahr hatten Betrüger mit einer per KI imitierten Stimme eines italienischen Ministers einen Geschäftsmann zur Überweisung von fast einer Million Euro verleitet. Das Geld wurde damals jedoch wiederbeschafft.^[DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/fideuram-in-italien-betrueger-legen-privatbank-rein-erbeuten-36-millionen-euro-a-ad94fe43-ad7f-42d0-8f3f-968a4d83b6b5#ref=rss]

Warum das juristisch brisant ist

Der Fall zeigt, wie sehr sich die Angriffsfläche verschiebt: Nicht ein technischer Einbruch in die IT-Infrastruktur, sondern die Nachbildung vertrauter Stimmen und Kommunikationswege überwand die internen Kontrollen einer Bank. Für Unternehmen bedeutet das, dass klassische Sicherheitsarchitekturen – Firewalls, Zugriffsrechte, Vieraugenprinzip – allein nicht genügen, wenn die menschliche Wahrnehmung getäuscht wird. Rechtlich rückt neben dem Computerbetrug die Frage in den Blick, wie Finanzinstitute und ihre Organe mit Anweisungen umgehen, die über Messenger und Telefon eingehen.

Was folgt daraus

Ob die Ermittlungen zu einer Verurteilung führen, ist offen; die Spur der endgültig verlorenen 36 Millionen Euro verliert sich nach bisherigem Stand in Kryptowährungen. Der Fall dürfte die Debatte über verbindliche Sicherheitsstandards für KI-gestützte Kommunikation und über die Haftung bei Betrug per Deepfake weiter befeuern.

Quellen: DER SPIEGEL – Fideuram in Italien: Betrüger legen Privatbank rein, erbeuten 36 Millionen Euro · Handelsblatt – WhatsApp-Nachricht: Bank-Manager fällt auf KI-Fake rein