MMX · Phobos
Start in Tanegashima: Europas Rover Idefix soll auf dem Marsmond Phobos landen
Am 20. Oktober startet die japanisch-europäische Mission MMX zum Marsmond Phobos. Erstmals soll Gestein aus der Marsregion zur Erde zurückkehren – und ein deutsch-französischer Rover den Boden vor der Landung des Mutterschiffs vermessen.
Tanegashima, 18. Oktober 2026 – Es ist die letzte Nacht vor dem Start, und die Frage, um die sich alles dreht, ist so einfach formuliert wie schwer zu beantworten: Ist Phobos ein Bruchstück des Mars oder ein eingefangener Asteroid? Niemand weiß es. Die japanisch-europäische Mission Martian Moons eXploration (MMX) soll es klären – und dabei zum ersten Mal überhaupt Material aus der Marsregion zur Erde zurückbringen.
Der Start ist für den 20. Oktober um 4:41 Uhr japanischer Zeit vorgesehen – 21:41 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Abend des 19. Oktober. Die Sonde hebt mit einer H3-Rakete (Flug Nr. 10) vom Raumfahrtzentrum Tanegashima ab. Im August 2027 soll MMX in den Marsorbit eintreten, ab September 2027 Phobos umkreisen. Fünf Jahre sind für den Hin- und Rückweg veranschlagt; die Rückkehr ist für 2031 geplant.
Ein Rover als Vorhut
An Bord ist ein Gerät, das in Deutschland und Frankreich gebaut wurde: der Rover Idefix, eine gemeinsame Entwicklung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der französischen Raumfahrtbehörde CNES. Idefix soll auf Phobos landen, die Oberflächeneigenschaften analysieren und damit den geeigneten Landeplatz für das Mutterschiff auswählen.
Das klingt nach einer technischen Fußnote, ist aber der Kern des Missionsdesigns. Anders als bei einem Asteroiden wie Ryugu, den die Vorgängermission Hayabusa2 beprobte, ist die Oberfläche von Phobos von einer feinen Regolithschicht geprägt, deren Tragfähigkeit und Reibungseigenschaften kaum bekannt sind. Wer dort landen will, muss vorher wissen, wie der Boden reagiert. Der Rover ist damit keine Zugabe, sondern die Versicherung des Mutterschiffs. Für Idefix ist ein Betrieb von rund 100 Tagen vorgesehen.
Zehn Gramm, die alles erklären sollen
Die eigentliche wissenschaftliche Fracht wiegt am Ende weniger als ein Päckchen Kaffee: MMX soll mindestens zehn Gramm Material von Phobos entnehmen und zur Erde bringen – in zwei Proben unterschiedlichen Typs und von zwei verschiedenen Stellen des Mondes, mit einer Beprobungstiefe von bis zu zwei Zentimetern. Die Sonde startet mit einer Masse von 4480 Kilogramm; der Rückflug beginnt im November 2030, wobei das Rückkehrmodul Deimos und Mars im Vorbeiflug passiert.
An Bord sind zwölf Instrumente, an denen neben JAXA auch NASA, ESA, CNES und DLR beteiligt sind. Die NASA steuert ein Neutronen- und Gammastrahlen-Spektrometer namens MEGANE bei, Frankreich ein Nahinfrarot-Spektrometer (NIRS4/MacrOmega). Deutschland erhält über die DLR-Beteiligung wissenschaftlichen Zugang zu den Proben – ein Argument, das in der Haushaltsdebatte über Weltraumbudgets regelmäßig wichtiger ist als die technische Leistungsfähigkeit.
„MMX ist die dritte japanische Probenrückführmission und folgt damit der erfolgreichen Tradition der Asteroidenmissionen Hayabusa und Hayabusa2.“ — DLR, Projektprofil MMX
Der Vergleich ist nicht nur wissenschaftlich gemeint: Er beschreibt auch, wer die Last der Mission trägt – Japan als Lead, Europa als Zulieferer von Instrumenten und Rover.
Warum Phobos mehr ist als ein Nebenprodukt
Die Brisanz der Fragestellung liegt in einem Detail: Sollte Phobos aus Material bestehen, das bei einem großen Einschlag aus dem Mars herausgeschleudert wurde, wäre das ein indirekter Blick in die Frühgeschichte des Planeten – und in die Bedingungen, unter denen auf terrestrischen Planeten habitabile Umgebungen entstehen konnten. Das ist der Punkt, an dem die Mission von der Planetologie in die Astrobiologie hinüberreicht. Ist Phobos dagegen ein eingefangener Asteroid, erzählt er eine ganz andere Geschichte: die der Wanderbewegungen von Kleinkörpern im frühen Sonnensystem.
Die Vorbereitung war lang. Das Projekt wurde 2015 angekündigt, 2020 offiziell in die Entwicklungsphase überführt, im März 2024 unterzeichneten JAXA, DLR und CNES eine trilaterale Vereinbarung über die Rover-Aktivitäten, im August 2026 wurde die Sonde an das Raumfahrtzentrum Tanegashima ausgeliefert. Der letzte Schritt ist der, der jetzt ansteht.
Für die europäische Raumfahrt ist MMX auch ein Testfall für die Frage, ob Beteiligungen an fremdgeführten Missionen strategisch tragen. Deutschland ist über DLR und die beteiligten Institute sichtbar – aber die Startrampe steht in Japan und die Sonde trägt das Logo von JAXA. Wer wissen will, wie europäische Wissenschaftspolitik in den 2030er Jahren aufgestellt sein wird, kann die kommenden Tage als Fingerübung nehmen.
Am Montagabend um 21:41 Uhr mitteleuropäischer Zeit ist die Frage für fünf Jahre erst einmal beantwortet: Dann fliegt MMX – oder nicht.
Quellen: DER SPIEGEL – Europäisch-japanische Mission MMX erforscht geheimnisvollen Marsmond · ESA – The Martian Moons eXploration (MMX) mission · DLR – Martian Moons eXploration · CNES – MMX · ISAS/JAXA – MMX