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51 Milliarden Dollar Schulden und ein Fonds: Wie die KI-Industrie um Vertrauen ringt

Während Anthropic fünf Prozent seiner Aktien in einen Gemeinwohl-Fonds überführt, wachsen am Anleihemarkt die Zweifel am Geschäftsmodell der Neoclouds. Die Kritik trifft einen Kern des Booms: Chips als Sicherheit.

iureka Team ·

Foto: panumas nikhomkhai / Pexels
Foto: panumas nikhomkhai / Pexels

New York/Frankfurt, 19. Oktober 2026 – Zwei Nachrichten, die unterschiedlicher nicht klingen könnten, beschreiben dieselbe Bewegung. Am Sonntagabend kündigte Anthropic an, fünf Prozent seiner Aktien in einen neuen Gemeinwohl-Fonds einzubringen – ein Signal der Verantwortung kurz vor einem der größten Börsengänge der Geschichte. Am Mittwoch zuvor war die Coreweave-Aktie zeitweise um mehr als 15 Prozent eingebrochen, weil am Anleihemarkt die Zweifel an der Finanzierung der KI-Infrastruktur wachsen. Die eine Nachricht handelt von Legitimität, die andere von Schulden. Beide handeln von Vertrauen.

Ein Fonds als Versicherung gegen die eigene Größe

Der „Anthropic Public Benefit Fund“ soll Spenden an gemeinnützige Organisationen bündeln, direkte Zahlungen an bestimmte Bevölkerungsgruppen leisten und die Folgen von KI für Arbeitnehmer abfedern. Die Beteiligung kann mit steigender Bewertung des Unternehmens wachsen. Politische Spenden und Lobbyarbeit sind ausgeschlossen. Der Fonds wird als hundertprozentige Tochtergesellschaft geführt; zusammen mit bestehenden Strukturen sind damit rund 20 Prozent der Anthropic-Aktien für öffentliche Zwecke vorgesehen. Die Aktionäre müssen noch zustimmen.

Das ist bemerkenswert, weil Anthropic den Börsengang als „Public Benefit Corporation“ plant – eine US-Rechtsform, die das Management verpflichtet, neben dem Investorengewinn auch gesellschaftliche Interessen zu berücksichtigen. In Deutschland gibt es keine direkte Entsprechung. Wer hierzulande Gemeinwohl und Kapitalmarkt verbinden will, landet bei der gemeinnützigen GmbH, der Stiftung oder – steuerlich anspruchsvoller – bei einer Beteiligung, die den Vorgaben der Abgabenordnung genügen muss. Die US-Konstruktion ist flexibler, aber auch weicher: Sie verpflichtet zur Rücksichtnahme, nicht zu einem bestimmten Ergebnis.

Für Anthropic ist der Fonds deshalb vor allem ein Governance-Instrument. Ein Unternehmen, das öffentlich vor den Risiken seiner eigenen Modelle warnt und von „selbsterhaltenden Verhaltensweisen“ spricht, muss erklären können, wem der Nutzen zufließt. Ein Fonds mit fünf Prozent der Anteile ist eine Antwort, die man nicht mit einer Satzungsänderung erledigt.

Die Neoclouds: Umsatzwachstum, Zinslast, Chip-Sicherheiten

Weniger elegant ist die Lage eine Etage tiefer. Die sogenannten Neoclouds – Coreweave, Nebius, IREN, Terawulf – vermieten Nvidia-Rechenleistung an KI-Entwickler und haben damit eine Lücke gefüllt, die selbst Microsoft, Google und Amazon nicht vollständig bedienen können. Nach Schätzungen von Cisco stehen sie bereits für 17 Prozent des weltweiten Rechenzentrenausbaus; im kommenden Jahrzehnt könnte der Anteil fast ein Drittel erreichen. Die Berater von American Compute zählen abseits der Hyperscaler 536 Unternehmen, die Zugang zu GPUs verkaufen.

Die Zahlen beeindrucken. Nebius steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 454 Prozent auf 582,3 Millionen Euro. Coreweave erlöste 2,58 Milliarden Dollar, 112 Prozent mehr als im Vorjahresquartal – und machte dabei einen Verlust von 626 Millionen Dollar, nach 290 Millionen im Vorjahr. Allein die Zinslast lag bei 640 Millionen Dollar. Ende Juni saß das Unternehmen auf 51 Milliarden Dollar Schulden.

Das Geschäftsmodell hat einen strukturellen Haken: Die Kredite sind häufig durch die KI-Chips selbst besichert. Coreweave hat im März einen Kredit über 8,5 Milliarden Dollar mit Chips unterlegt, Laufzeit bis 2032. Ob diese Sicherheiten halten, hängt davon ab, wie schnell die Chips technisch veralten – und damit von einer Prognose, die in der Finanzierung großzügig ausfallen dürfte. Selbst das britische Start-up Fluidstack, im Vorjahr noch mit zehn Mitarbeitern, soll Medienberichten zufolge bis zu zehn Milliarden Dollar von der australischen Investmentbank Macquarie geliehen haben.

Die Hoffnung ruht auf den Auftragsbeständen: 104 Milliarden Dollar bei Coreweave, gut 40 Milliarden bei Nebius, ein 20-Jahres-Mietvertrag von Terawulf mit Anthropic über 19 Milliarden Dollar, der sich auf bis zu 33 Milliarden erweitern könnte. Ein großer Teil dieser Aufträge stammt von OpenAI und Anthropic – Unternehmen, die selbst noch keine Gewinne erzielen und auf Investoren angewiesen sind.

Die Blase und der Staat

Genau hier treffen sich die beiden Entwicklungen, die Dennis Kremer in der F.A.Z. als „Gefahr von zwei Seiten“ beschreibt. Auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Bangkok warnten die Ökonomen fast zeitgleich, die steigende Schuldenlast vieler Staaten sei ein „hervorstechendes“ Risiko. Die Renditen für Staatsanleihen liegen in wichtigen Industriestaaten so hoch wie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr. In Südkorea fiel der Kospi zwischenzeitlich um fast zehn Prozent, angeführt von SK Hynix – dem Thermometer für die KI-Story.

Beide Gruppen konkurrieren um dasselbe Kapital. Allein Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle standen zuletzt für rund zehn Prozent des Volumens aller neuen Euro-Unternehmensanleihen außerhalb des Bankensektors. Hélène Rey von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nennt die Praxis, Kapital unter der Bedingung zu vergeben, dass damit die eigenen Chips gekauft werden, nicht clever, sondern „eine hohe Risikokonzentration“.

Die Berater von Bain beziffern die absehbare Umsatzlücke der Branche auf rund 4,2 Billionen Dollar. Gartner erwartet, dass der Markt für KI-optimierte Rechenkapazitäten bis 2030 auf 174 Milliarden Dollar wächst – und dass 80 Prozent der Neoclouds bis dahin ihren Betrieb einstellen, weil der Kostendruck zu hoch und das Geschäftsmodell nicht differenzierend genug ist.

Was bleibt

Für Anleger ist die Lage unübersichtlich, weil die Risiken nicht dort sitzen, wo sie sichtbar werden. Wer eine deutsche Industrieaktie hält, ist nicht automatisch aus dem KI-Risiko heraus: Das Handelsblatt weist darauf hin, dass der Dax das KI-Beben sehr wohl zu spüren bekommt, nur weniger sichtbar, weil viele Industrieunternehmen von der Nachfrage nach Technologie für Rechenzentren profitieren. Umgekehrt gilt: Wer von dieser Nachfrage profitiert, hängt an denselben Schulden, die ihre Kunden aufgenommen haben.

Anthropic hat mit dem Fonds einen Schritt getan, der über Symbolik hinausgeht – aber nur, wenn die Aktionäre zustimmen und die Struktur nicht zur Marketinghülle wird. Die Neoclouds haben dagegen ein Problem, das sich nicht mit Governance lösen lässt: Wenn die Chips von heute in wenigen Jahren nur noch einen Bruchteil wert sind, dann sind die Sicherheiten von heute die Verluste von morgen. Der KI-Boom hat bewiesen, dass er Rechenleistung organisieren kann. Ob er auch Kapital organisiert, ohne es zu überfordern, ist die offene Frage dieses Herbstes.