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Frankreich · Macron

Nacht der Gewalt in Frankreich: Das Rathaus von Limoges brennt, 1200 Festnahmen

Ein landesweiter Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten endet in schweren Krawallen. In Limoges zerstören Randalierer das historische Rathaus, die Regierung spricht von gezielten Angriffen auf die Institutionen der Republik.

iureka Team ·

Foto: KNKO Photography / Pexels
Foto: KNKO Photography / Pexels

Paris, 18. Oktober 2026 – Frankreich hat eine Nacht hinter sich, die Innenminister Laurent Nuñez in Hochalarm versetzte und Justizminister Gérald Darmanin von „Ausschreitungen von beispiellosem Ausmaß“ sprechen ließ. Am Rande eines landesweiten Protesttages gegen hohe Lebenshaltungskosten kam es in Paris, Marseille, Lyon, Lille, Avignon und Grenoble zu Plünderungen, Brandstiftungen und Angriffen auf staatliche Gebäude. Das sichtbarste Symbol der Eskalation steht in Zentralfrankreich: Das 143 Jahre alte Rathaus von Limoges ging in Flammen auf und ist nach Angaben des zuständigen Präfekten Maurice Barate „zum großen Teil verloren“.

Die Bilanz des Wochenendes fällt je nach Quelle unterschiedlich aus – ein Hinweis darauf, wie schnell die Behörden ihre Zahlen nach oben korrigieren mussten. Premierminister Sébastien Lecornu nannte nach der Krisensitzung der Regierung am späten Samstagabend landesweit rund 1200 Festnahmen; das Innenministerium hatte zunächst 400 Festnahmen und 60 verletzte Polizisten gemeldet, die F.A.Z. berichtet von 150 verletzten Einsatzkräften. Die Teilnehmerzahl bezifferte Nuñez auf 550.000 Menschen, davon 110.000 in Paris; die Organisatoren hatten zuvor von rund 800.000 Demonstranten gesprochen.

Ein Protesttag ohne Absender

Der Aufruf zu dem Protesttag war keiner Organisation eindeutig zuzuordnen und verbreitete sich über soziale Netzwerke. Er verband sehr unterschiedliche Milieus: Schüler und Studierende, die seit Mitte September für kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte demonstrieren, Beschäftigte mit Niedriglöhnen, Landwirte, Feuerwehrleute – und Unzufriedene, die hohe Spritpreise und die Sparpolitik der Regierung anprangern. Diese Offenheit macht den Protest politisch anschlussfähig und zugleich schwer kontrollierbar. Im Netz kursierte zudem ein Aufruf mit unklarem Urheber zu einer Neuauflage der Gelbwestenbewegung, die Frankreich 2019 über Monate in Atem gehalten hatte.

In Marseille drangen Dutzende Menschen in die Eingangshalle des Rathauses ein, in Lille wurden mehrere Eingänge aufgebrochen, in Lyon ging das Tourismusbüro in Flammen auf, in Avignon gelangten Randalierer in den Innenhof der Präfektur. In Saint-Étienne verlor ein Demonstrant durch eine Polizeigranate eine Hand; erst in der Vorwoche hatte ein 15-Jähriger in Lens seine linke Hand verloren, als vor seiner Schule eine Blendgranate explodierte.

Limoges: „Eine Katastrophe für das kulturelle Erbe“

In Limoges waren nach Augenzeugenberichten maskierte Demonstranten in das Rathaus eingedrungen, um Feuer zu legen. Präfekt Barate sprach von einer „vorsätzlichen Tat von Randalierern“: „Das Dach ist auf die darunterliegenden Stockwerke gestürzt – mit Ausnahme des Westflügels. Zwei Drittel der Fassade sind bereits verschwunden.“ Der Brand sei eine „Katastrophe für das kulturelle Erbe“ der Region und ganz Frankreichs.

„Es ist offensichtlich, dass die Machtzentren in Paris ins Visier genommen wurden: der Élysée-Palast, der Regierungssitz, die Nationalversammlung. Es ist ein politisches Manöver, das Gewalt billigt.“ — Sébastien Lecornu, Premierminister

Lecornu beschrieb die Lage als Konfrontation mit einer „besonders gewalttätigen Ultralinken“, einer „sehr gut organisierten, undurchsichtigen Gruppe, die methodisch versuchte, Eigentum, Personen, aber auch die Institutionen der Republik anzugreifen“. Ob es sich tatsächlich um eine gesteuerte Struktur handelt oder um ein Zusammenspiel aus aktivistischen Kernen und spontaner Gewaltbereitschaft, ist damit nicht belegt – die Ermittlungen dazu stehen erst am Anfang.

Der Staatsapparat antwortet mit Strafverfolgung

Präsident Emmanuel Macron drohte den Verantwortlichen Konsequenzen an: „In unserer Republik ist kein Platz für Gewalt. Diejenigen, die sowohl Präfekturen als auch Geschäfte zerstört und angegriffen sowie sogar unsere Rathäuser geplündert haben, werden strafrechtlich verfolgt und bestraft.“ Justizminister Darmanin erklärte, er habe „alle Generalstaatsanwälte und Staatsanwälte erneut aufgefordert, eine äußerst entschlossene juristische Reaktion zu zeigen“. Allein in Paris wurden rund 100 Menschen festgenommen, weil sie Waffen oder verbotene Gegenstände mit sich führten.

Bemerkenswert ist die Verschiebung der Begründungsebene: Weg von der sozialen Frage, hin zur Frage der öffentlichen Ordnung. Lecornu adressierte ausdrücklich jene, „die diese Gewalttaten ganz offensichtlich als ‚Aufwärmrunde‘ vor den Präsidentschaftswahlen nutzen wollen“ – und kündigte an: „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Sachschäden in Millionenhöhe werden die Versicherer und die kommunalen Haushalte noch lange beschäftigen.

Ein französisches Muster mit europäischer Reichweite

Die Unruhen blieben nicht auf Frankreich beschränkt. Auch in Belgien setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, um Gruppen auseinanderzutreiben, die Feuerwerkskörper und brennbare Flüssigkeiten warfen; in Brüssel wurden Mülltonnen und E-Scooter in Brand gesetzt und ein Büro der Sozialistischen Partei verwüstet, in Lüttich rückte die Polizei zu kleineren Gruppen aus. Das Handelsblatt berichtet zudem von Protesten in Portugal und Italien.

Für die kommenden Tage entscheidend ist weniger die Zahl der Festnahmen als die Frage, ob sich die Gewalt verselbständigt. Die Regierung rechnet offenkundig damit: Die Polizei bleibt in hoher Bereitschaft, um „gewalttätige Gruppen einzudämmen, öffentliche Gebäude zu schützen und Plünderungen zu verhindern“. Die Sorge gilt einem Kipppunkt, an dem aus einem Protesttag eine Bewegung wird, die sich – wie 2019 – nicht mehr steuern lässt.

Quellen: DER SPIEGEL – Frankreich: Schwere Krawalle bei Protesten · F.A.Z. – Unruhen in Frankreich: Lecornu: „Entsetzliches Ausmaß an Gewalt“ · Handelsblatt – Schwere Unruhen in Frankreich – Proteste auch in Belgien, Portugal, Italien · BILD – Nach schweren Krawallen: Historisches Rathaus stürzt ein