Staatsdefizit · Konjunktur
Wachstum trotz Rekordminus: Deutschlands Wirtschaft erholt sich – der Staat reißt die Maastricht-Grenze
Das Statistische Bundesamt meldet ein gesamtstaatliches Defizit von 3,1 Prozent des BIP – über der Maastricht-Grenze. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft das dritte Quartal in Folge, und das Ifo-Geschäftsklima steigt überraschend deutlich.
Wiesbaden, 25. August 2026 – Zwei Zahlen, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Der deutsche Staat hat im ersten Halbjahr so tief rot geschrieben wie lange nicht – und die Wirtschaft wächst dennoch weiter. Das Statistische Bundesamt meldete am Dienstag ein gesamtstaatliches Defizit von rund 71,3 Milliarden Euro, das entspricht 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – damit reißt Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sogar die Maastricht-Obergrenze von drei Prozent.^[DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt im ersten Halbjahr auf 3,1 Prozent des BIP – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/3-1-prozent-des-bip-deutsches-staatsdefizit-steigt-im-ersten-halbjahr-deutlich-a-cf526e29-82c4-43a4-9b0b-632a3f233ec7]
Woher das Milliardenloch kommt
Die Ausgaben von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung überstiegen die Einnahmen um 36,6 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Das Finanzierungsdefizit des Bundes wuchs um 29,0 Milliarden Euro auf 48,1 Milliarden Euro. „Maßgeblich für den Bund sind die Mehrausgaben im Bereich Verteidigung und zusätzliche Investitionen und Subventionen, die aus den Sondervermögen finanziert werden“, sagt Steuerexperte Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW); zudem liefen die Steuereinnahmen „eher moderat“.^[DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt im ersten Halbjahr auf 3,1 Prozent des BIP – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/3-1-prozent-des-bip-deutsches-staatsdefizit-steigt-im-ersten-halbjahr-deutlich-a-cf526e29-82c4-43a4-9b0b-632a3f233ec7] Die Länder vergrößerten ihren Fehlbetrag um 3,5 Milliarden auf 6,5 Milliarden Euro, die Gemeinden verringerten ihr Defizit auf 14,8 Milliarden Euro; die Sozialversicherung rutschte vor allem wegen höherer Ausgaben in der Kranken- und Pflegeversicherung ins Minus.^[DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt im ersten Halbjahr auf 3,1 Prozent des BIP – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/3-1-prozent-des-bip-deutsches-staatsdefizit-steigt-im-ersten-halbjahr-deutlich-a-cf526e29-82c4-43a4-9b0b-632a3f233ec7]
Steigende Zinsen setzen den Haushalt unter Druck
Verschärft wird die Lage durch die Finanzmärkte: Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen erreichten vergangene Woche mit rund 3,3 Prozent den höchsten Stand seit mehr als 15 Jahren – das verteuert die Aufnahme neuer Schulden und schränkt den Spielraum für andere Ausgaben ein. Die Zinsausgaben stiegen im ersten Halbjahr um 11,6 Prozent auf 27,3 Milliarden Euro. „Es besteht angesichts immer höherer Zinsforderungen und des demografischen Wandels hoher Konsolidierungsdruck“, warnt Boysen-Hogrefe.^[DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt im ersten Halbjahr auf 3,1 Prozent des BIP – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/3-1-prozent-des-bip-deutsches-staatsdefizit-steigt-im-ersten-halbjahr-deutlich-a-cf526e29-82c4-43a4-9b0b-632a3f233ec7] Ifo-Präsident Clemens Fuest fordert deshalb eine „überzeugende, mehrjährig angelegte Strategie zur Senkung der Staatsausgaben und zur Stärkung des Wirtschaftswachstums“ – bei gleichzeitiger Schonung investiver Ausgaben.^[DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt im ersten Halbjahr auf 3,1 Prozent des BIP – url: https://www.spiegel.de/wirtschaft/3-1-prozent-des-bip-deutsches-staatsdefizit-steigt-im-ersten-halbjahr-deutlich-a-cf526e29-82c4-43a4-9b0b-632a3f233ec7]
Die Wirtschaft wächst – das dritte Quartal in Folge
Trotz aller Krisen sendet die Konjunktur positive Signale: Das Bruttoinlandsprodukt legte von April bis Juni um 0,3 Prozent zum Vorquartal zu – 0,1 Punkte mehr als zunächst erwartet. Es ist das dritte Wachstumsquartal in Folge. „Wie schon im ersten Quartal ging der Anstieg vor allem auf die gute Exportentwicklung zurück“, erklärte Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes; insgesamt wurden 2,0 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im ersten Quartal.^[Handelsblatt – Deutsche Wirtschaft wächst stärker – Staat tief im Minus – url: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/konjunktur-deutsche-wirtschaft-waechst-staerker-staat-tief-im-minus/100249468.html] „Gemessen an den stellenweise düsteren Konjunkturaussichten in Anbetracht des Iran-Kriegs fällt das deutsche Wachstum erstaunlich solide aus“, sagt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.^[Handelsblatt – Deutsche Wirtschaft wächst stärker – Staat tief im Minus – url: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/konjunktur-deutsche-wirtschaft-waechst-staerker-staat-tief-im-minus/100249468.html]
Ifo-Geschäftsklima: vierte Erholung in Folge
Auch die Stimmung in den Unternehmen hellt sich auf: Das Ifo-Geschäftsklima stieg im August um 2,1 Punkte auf 88,8 Zähler – der vierte Monatsanstieg in Folge, und deutlich mehr als die von Analysten erwarteten 87,2 Punkte. „Die Zuversicht unter den Unternehmen in Deutschland hat zugenommen. Trotz des erneuten Energiepreisanstiegs erholt sich die deutsche Wirtschaft“, kommentierte Ifo-Präsident Fuest das Ergebnis der Umfrage unter 9.000 Unternehmen.^[Handelsblatt – Ifo-Geschäftsklima steigt vierten Monat in Folge – url: https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/konjunktur-ifo-geschaeftsklima-steigt-vierten-monat-in-folge/100249525.html]
Ob der Aufschwung trägt, hängt auch davon ab, wie die Regierung den Spagat zwischen Investitionen, Konsolidierung und der angespannten Haushaltslage meistert. Der Druck auf Finanzminister Klingbeil wächst – nicht nur von den Finanzmärkten, sondern auch aus den eigenen Reihen.
Quellen: DER SPIEGEL – Staatsdefizit steigt auf 3,1 Prozent · Handelsblatt – Wirtschaft wächst stärker, Staat im Minus · Handelsblatt – Ifo-Geschäftsklima steigt