Politik · Ukraine
Kiews Machtzirkel unter Druck: Razzia, Entlassungen und ein neuer Verteidigungsminister
Das ukrainische Parlament hat Jewgeni Khmara zum Verteidigungsminister gewählt. Zeitgleich erschüttern Korruptionsermittlungen das Umfeld von Präsident Selenskyj: Nach einer Großrazzia wird die Vizechefin des Präsidialamts entlassen.
Kiew, 19. August 2026 – In der Ukraine überschlagen sich die Ereignisse: Das Parlament in Kiew hat Jewgeni Khmara (38) zum neuen Verteidigungsminister gewählt – 312 von 450 Abgeordneten stimmten für den früheren Geheimdienstler und Spezialkräfte-Offizier. Zeitgleich gerät das Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj unter Druck: Nach einer Großrazzia der Anti-Korruptionsbehörden entließ dieser die stellvertretende Leiterin seines Präsidialamts, Iryna Mudra.
Ein Ministerwechsel mit Sprengstoff
Khmara hatte das Verteidigungsministerium bereits kommissarisch geführt, seit Präsident Selenskyj Mitte Juli seinen Vorgänger Mychajlo Fedorow (35) nach nur wenigen Monaten im Amt entlassen hatte. Die Entscheidung sorgte damals für ungewöhnlich heftigen Widerstand: Tausende Ukrainer gingen auf die Straße und verlangten die Rückkehr des jungen Ministers, der in der Bevölkerung äußerst beliebt ist.
Rund einen Monat nach seinem Rauswurf meldete sich Fedorow nun mit einer politischen Kampfansage zurück: Als erster hochrangiger Politiker der Ukraine fordert er, trotz des Krieges den Präsidenten neu zu wählen. In einer Videobotschaft erklärte er, die Ukraine müsse eine „grundlegende Frage“ beantworten: „Wie sollte ein Staat funktionieren, wenn der Krieg Jahre dauert?“ Nötig sei ein „rechtmäßiger, sicherer und realistischer Mechanismus“, um auch während eines langwierigen Krieges einen vollständigen demokratischen Prozess wiederherzustellen. Die Botschaft veröffentlichte er ausgerechnet unmittelbar vor der Entscheidung über seinen Nachfolger – eine direkte Kampfansage an Amtsinhaber Selenskyj.
Razzia im Präsidialamt
Unterdessen hat Selenskyj die Stellvertreterin des Präsidentenbürochefs, Iryna Mudra (51), entlassen. Das Dekret veröffentlichte das Präsidialamt, einen Grund nannte der Präsident nicht. Zuvor waren die Anti-Korruptionsbehörden NABU und SAP im Zuge einer Spezialoperation erneut mit Durchsuchungen vorgegangen. Sie diene dazu, „eine kriminelle Vereinigung aufzudecken, die unter der Leitung eines amtierenden und eines ehemaligen Abgeordneten des ukrainischen Parlaments tätig war“, teilten die Behörden mit. Auch ranghohe Beamte des Präsidialamts sollen an den mutmaßlichen Straftaten beteiligt sein.
Ukrainische Medien nennen als Verdächtige neben Mudra den Abgeordneten Wadym Stolar (44); der Parlamentarier Oleksij Hontscharenko bestätigte, dass sich die Ermittlungen konkret gegen die Stellvertreterin des Präsidentenbürochefs richten. Dass Selenskyj diesmal schnell reagierte, werten Beobachter als Signal: Er hatte der EU einen rigorosen Kampf gegen Korruption zugesichert – auch, weil weitere Hilfszahlungen an Reformfortschritte geknüpft sind.
Ein Drahtseilakt im Krieg
Für Selenskyj kommt der Doppel-Schlag zu einem heiklen Zeitpunkt: Während die ukrainische Armee im Osten und Süden unter Druck steht und Russland nach Angaben Kiews mit Drohnen regelrecht „Jagd“ auf zivile Ziele mache, muss der Präsident zugleich innenpolitische Krisen managen. Die Forderung Fedorows nach Wahlen mitten im Krieg trifft einen wunden Punkt: Auf der einen Seite drängen Verbündete auf demokratische Kontinuität, auf der anderen Seite wäre eine Wahlkampfphase in einem Land im Kriegszustand logistisch wie sicherheitspolitisch ein riskantes Unterfangen. Dass ausgerechnet der beliebte Ex-Verteidigungsminister die Debatte anführt, macht sie für den Machtzirkel in Kiew nicht angenehmer.
„Wir müssen eine grundlegende Frage beantworten: Wie sollte ein Staat funktionieren, wenn der Krieg Jahre dauert?“ — Mychajlo Fedorow, Ex-Verteidigungsminister der Ukraine
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Anti-Korruptionsrazzia im Umfeld des Präsidenten nur ein Einzelfall bleibt oder der Auftakt zu einer größeren Säuberung ist – und ob Selenskyj die Debatte um Wahlen im Krieg politisch kontrollieren kann.
Quellen: BILD – Geheimdienstler übernimmt Armee: Er soll jetzt für Selenskyj Putin besiegen · Handelsblatt – Razzia in Kiew: Präsident Selenskyj entlässt Vertraute · Süddeutsche Zeitung – Beliebter Ex-Verteidigungsminister fordert Wahlen mitten im Krieg