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Klima · UNEP

2,8 Grad: Der UN-Bericht zeigt, was der Rückzug der USA kostet

Der neue Emissionsbericht des UN-Umweltprogramms korrigiert die Prognose nach oben: 2,6 Grad, wenn alle Zusagen umgesetzt werden. Ohne zusätzliche Maßnahmen liegt der Pfad bei 2,8 Grad – und die Lücke zwischen Ankündigung und Gesetz wächst.

iureka Team ·

Foto: Abdullah Öğük / Pexels
Foto: Abdullah Öğük / Pexels

Nairobi, 21. Oktober – Der Befund ist nicht neu, die Richtung ist es. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) hat am Dienstag seinen neuen Emissionsbericht vorgelegt, und darin steht eine Zahl, die in den vergangenen Jahren immer kleiner wurde: Bleibt es bei der aktuellen Politik, steuert die Erde auf eine Erwärmung von 2,8 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu. Werden alle angekündigten Zusagen umgesetzt, sind es 2,6 Grad. Im Vorjahr hatte das UNEP für dieses Szenario noch 2,5 Grad errechnet. Die Prognose ist also nicht wegen neuer Politik schlechter geworden, sondern wegen besserer Daten.

Das ist der eigentliche Punkt des Berichts. Ein Teil der Korrektur geht auf revidierte Schätzungen zurück – die Erwärmungswirkung von Aerosolen und anderen Klimatreibern wurde über Jahre zu optimistisch bewertet und ist nun nach oben angepasst. Wer Klimapolitik anhand von Prognosen beurteilt, muss wissen, dass die Prognose selbst ein unsicheres Gut ist. Der Trend der Korrekturen zeigt in eine Richtung.

Was die Zahlen konkret bedeuten

Die Lücke zwischen dem, was zugesagt ist, und dem, was nötig wäre, lässt sich in Prozenten ausdrücken. Gemessen am Niveau von 2025 müssten die globalen Emissionen bis 2030 um 18 Prozent sinken, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent. Die derzeit geplanten Maßnahmen führen nach Berechnungen des Berichts bis 2030 zu einem Rückgang von acht Prozent und bis 2035 von fünfzehn Prozent. Für das 1,5-Grad-Ziel, das im Pariser Abkommen vereinbart wurde, wäre zusätzlich in großem Umfang die Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre erforderlich – in einer Größenordnung von sieben bis neun Milliarden Tonnen.

Der beste Fall im Bericht liegt bei 2,1 Grad: Er tritt ein, wenn alle angekündigten Netto-Null-Zusagen tatsächlich umgesetzt und eingehalten werden. Das ist die Zahl, die zeigt, wie viel des Problems nicht im Mangel an Technologie liegt, sondern in der Umsetzung. Es gibt inzwischen kaum ein Land, das keine Langfriststrategie angekündigt hat. Es gibt viele Länder, deren kurzfristige Gesetze dazu nicht passen.

Der amerikanische Faktor

Der Bericht rechnet den Rückzug der Vereinigten Staaten ein. Die USA sind der zweitgrößte Emittent der Welt, und die Politik der aktuellen Regierung – Austritt aus dem Pariser Abkommen, Rücknahme von Regulierungen, Neuausrichtung der Energiepolitik auf fossile Träger – hebt die Prognose um rund ein Zehntelgrad an. Das klingt nach wenig und ist in der Logik der Klimaphysik erheblich: Ein Zehntelgrad als Beitrag eines einzelnen Landes summiert sich mit jedem anderen Land, das seine Zusagen nicht einhält.

Die politische Bedeutung liegt an anderer Stelle. Wenn der größte historische Emittent aus dem Rahmen aussteigt, verliert das Pariser Abkommen seine Funktion als Koordinierungsinstrument. Andere Staaten können dann zwar weiter liefern, aber sie liefern ohne den Bezugspunkt, an dem sie gemessen werden. Für die Europäische Union bedeutet das eine Verschiebung: Sie ist nicht mehr Teil eines transatlantischen Duos, sondern der größte verbliebene Akteur mit verbindlichen Zielen – mit allen Kosten, die das mit sich bringt.

Zehn Jahre Paris

Der Bericht erscheint zehn Jahre nach der Konferenz von Paris, und in dieser Frist liegt eine paradoxe Bilanz. 2015 lag die Welt bei einer Prognose von drei bis 3,5 Grad. Dass sie heute bei 2,6 bis 2,8 Grad liegt, ist ein Fortschritt von fast einem Grad – erreicht durch Zusagen, nicht durch Ergebnisse. Gleichzeitig hat die Messpraxis gezeigt, dass die Schwelle von 1,5 Grad in einzelnen Jahren bereits überschritten wird: Nach Daten des europäischen Copernicus-Dienstes war der Dreijahreszeitraum 2023 bis 2025 der erste, dessen Durchschnitt über dieser Marke lag.

António Guterres hat daraus die Formel gemacht, dass eine Überschreitung keine Kapitulation bedeute – die Temperatur könne später wieder sinken, wenn die Emissionen fallen. Inger Andersen, die das UN-Umweltprogramm leitet, hat die politische Konsequenz hinzugefügt: Es gehe darum, den Höchststand der Erwärmung so niedrig wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen; das sei möglich. Beides ist richtig und beides verschiebt das Ziel: Es geht nicht mehr um die Einhaltung einer Grenze, sondern um die Begrenzung eines Schadens.

Was von der COP bleibt

In wenigen Wochen trifft sich die Staatengemeinschaft zur nächsten Klimakonferenz in Antalya. Die Ausgangslage ist schwierig: Die Vereinigten Staaten werden nicht mit einer ambitionierten Delegation anreisen, und in Brasilien, dem Gastgeber der vorangegangenen Konferenz und einem der wichtigsten Akteure der Staatengruppe, entscheidet sich in einer Stichwahl, wer künftig die Klimapolitik des Landes verantwortet.

Für die Verhandler bedeutet das eine Verschiebung der Agenda. Statt neuer Ziele stehen die Regeln im Vordergrund: wie Staaten ihre Zusagen nachweisen, wie sie überprüft werden, wie Finanzzusagen abgerechnet werden. Der Bericht liefert dafür das Material – er zeigt, dass die Lücke nicht zwischen Wissen und Zielen liegt, sondern zwischen Zielen und Gesetzen. Das ist die unbequemste Botschaft eines Berichts, der seit Jahren dieselbe Struktur hat: Die Instrumente sind bekannt, die Daten sind es auch. Was fehlt, ist der Beschluss.